Europäische Sumpfschildkröte
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(Emys orbicularis) – Die Heimliche
Sie galt lange Zeit als ausgestorben in Hessen. Als einzige in Deutschland natürlich vorkommende Schildkrötenart wurde intensiv nach den letzten Tieren (Populationen) gesucht. Und siehe da, am Reinheimer Teich wurden mehrere ausgewachsene und auch ein 5-6 Jahre altes Jungtier gefunden. Ihr hiesiges Vorkommen macht das Gebiet zu einen der wichtigsten Projektgebiete für den Erhalt dieser Art in Hessen (weitere Infos siehe unten).
Alle bekannten Vorkommen in Mitteleuropa befinden sich in einen meist kritischen Erhaltungszustand und sind streng geschützt. Auch in Hessen und Deutschland ist die Art vom Aussterben bedroht (Rote Liste 1). Nur durch effektive Maßnahmen zum Schutz der Lebensräume und der Populationen kann die Art überleben.
Die Sumpfschildkröte ist vom westlichen Nordafrika über Süd- und Mitteleuropa bis nach Kleinasien verbreitet. In der Wissenschaft werden 6-14 Unterarten diskutiert. Eine der anerkannten Unterarten ist die Pontische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis orbicularis), die bei uns in Deutschland vorkommt.
Das gesamte Tier inklusive Panzer ist dunkel mit vielen gelben Punkten. Der Panzer der kleinen bis mittelgroße Schildkröte wird maximal 23 cm groß. Es gibt ein „Scharnier“ im Bauchpanzer (lederartige Verbindung zwischen Vorder- und Hinterteil). Sie besitzt einen langen, dünnen Schwanz und hat an allen Gliedmaßen Schwimmhäute und kräftige Krallen. Die Geschlechter lassen sich nur in der Hand unterscheiden. Ein Hinweis kann die Augenfarbe sein. Aus verschiedenen Gründen (z.B. Unterart, Hormone) kann die Farbe der Augen auch abweichen.
Der Lebensraum der Sumpfschildkröte sind meist flache, stehende Gewässer mit reichem Pflanzenbewuchs im Wasser und am Ufer. Wichtig ist hierbei, dass es viel Totholz als Sonnenplatz gibt. Neben dem eigentlichen „Wohngewässer“ sollten noch geeignete Überwinterungsquartiere und Eiablagestellen, sowie Jungtierlebensräume vorhanden sein. Als Eiablageplätze werden trockene, meist sandige, vegetationsarme, der Sonnenwärme ausgesetzte Stellen benutzt. Nach Süden orientierte Trockenrasen und Sanddünen werden bevorzugt, aber auch schlammige und feuchte Böden werden manchmal genommen.
Im Zeitraum von Ende September bis März hält die Schildkröte in oder an den „Wohngewässern“ meist Winterruhe. Die Paarung findet bei uns im Frühjahr statt. Ende Mai/Anfang Juni werden an meist vegetationsarmen, grabbaren und sonnenexponierten Standorten 10-20 Eier abgelegt. Die Weibchen können auf der Suche nach einer Eiablagestelle mehrere Kilometer zurücklegen. Die Europäische Sumpfschildkröte hat eine temperaturabhängige Geschlechtsdetermination, d.h. die Ausbrüttemperatur entscheidet, ob Männchen oder Weibchen aus den Gelegen kommen. Im Labor schlüpfen unter 28°C überwiegend Männchen und über 29,5°C überwiegend Weibchen. In den 1,5°C dazwischen kommt es zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis. Der Schlupf findet im September statt, die Jungtiere überwintern bei uns meistens aber in der Gelegehöhle. Erst bei den ersten warmen Frühlingsregen im nächsten Jahr kommen die Jungtiere aus der Gelegehöhle und wandern zum Gewässer.
Obwohl die Schildkröte tagaktiv ist, ist sie sehr scheu und schwierig zu beobachten. Gute Beobachtungszeiten sind die sonnigen Mittagszeiten im Frühjahr und Herbst, dann sonnt sich die Europäische Sumpfschildkröte bevorzugt auf Baumstämmen und am Ufer. Im Sommer werden die Sonnenbäder manchmal auch nur an der Wasseroberfläche treibend genommen. Die Sumpfschildkröte frisst Wasserinsekten, Wasserschnecken, Würmer, kleine Fische, Kaulquappen und Aas.
Noch im 18.Jahrhundert war die Sumpfschildkröte eine beliebte Fastenspeise. Hierfür gab es neben Wildfängen auch Haltungen der Tiere. Zu diesen Zeiten wurden ganze Pferdefuhrwerke nach Berlin auf den Märkten verkauft oder nach Osteuropa als Fastenspeise verschickt.
Vor allem die Veränderung bzw. Zerstörung der Lebensräume machte der Art schwer zu schaffen. Beispiel sind die Trockenlegung der Lebensräume, Ausbau oder Begradigung von Fließgewässern, Wandel in der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung. Aber auch der Ausbau von Straßennetzen und die Verkehrsdichte fordern einige Straßenopfer. In der Fischerei können die Tiere als Beifang in Fischreusen ertrinken. Durch die geringe Anzahl an Tieren sind auch Prädatoren wie Wildschwein, Fuchs, Dachs, Waschbär aber auch größere Vögel (z.B. Milan, Rabenkrähe) eine zunehmende Gefahr für das Überleben der Art. Es werden hauptsächlich die Gelege und Jungtiere gefressen. Für erwachsene Schildkröten ist der Waschbär eine Gefahr, denn er kann den Panzer von erwachsenen Tieren öffnen.
Eine besondere Gefährdung ist das verbotene Aussetzen von exotischen Schildkröten (meist zu groß gewordene Haustiere) in den Lebensräumen der Europäischen Sumpfschildkröten. Gerade Arten, wie die nordamerikanische Buchstabenschildkröte (Trachemys scripta), sind aggressiver, größer und konkurrenzstärker als die Europäische Sumpfschildkröte. So zieht die heimische Sumpfschildkröte bei Nahrung, aber auch bei den guten Sonnenplätzen entsprechend den Kürzeren.
Nur bei wissenschaftlich begleiteten Wiederansiedlungsprojekten ist das Aussetzen von ausgewählten Tieren der Europäischen Sumpfschildkröte in ausgesuchten Ansiedlungsgewässer mit behördlicher Genehmigung möglich. Sowohl die Tiere, als auch die Gewässer werden nach strengen Kriterien ausgewählt. Die Bestände werden regelmäßig kontrolliert (Monitoring).
Neben den fachlich fundierte Bestandsstützungen und den Wiederansiedlungen sind auch Schutzmaßnahmen der verschiedenen Lebensräume der Art notwendig. Am Reinheimer Teich erfolgten Maßnahmen für die Erhaltung und Renaturierung von Gewässerlebensräumen. Auch werden regelmäßig Eiablageplätze gepflegt und neu angelegt. Ein wichtiges Schutzziel ist die verkehrsfreie Vernetzung von Lebensräumen (Biotopverbund). Als weitere Maßnahmen werden nicht heimische Schildkröten, also ehemalige Haustiere, gefangen und aus dem Gebiet entfernt (z.B. Abgabe an Tierhalter). In manchen Gebieten sind besondere Schutzmaßnahmen der Nester gegen Prädatoren, wie Waschbär nötig.
Der Reinheimer Teich und seine Schildkröten
An Reinheimer Teich können regelmäßig Schildkröten
beobachtet werden. Leider sind die großen und gut sichtbaren meistens ehemalige
Haustiere. Trotzdem waren und sind die Europäischen Schildkröten des Reinheimer
Teichs eines der wichtigsten Vorkommen für ganz Hessen. Im Jahre 1999 zählte
der Bestand mit seinen geschätzten 10-20 Tieren zu einer großen Population. Aus
diesem Grund wurden auch Weibchen aus dem Gebiet entnommen und zur Zucht und
Erhaltung der Art eingesetzt. Die Schlüpflinge wurden in verschiedenen Gebieten
in Hessen ausgesetzt bzw. wiederangesiedelt. So betrachtet laufen jetzt einige
„Reinheimer“ in ganz Hessen herum.
Aus diesem Programm wurden auch Jungtiere am Reinheimer Teich und an der Naturschutzscheune ausgesetzt. Diese Jungtiere haben vor Prädatoren durch ihre Größe deutlich weniger zu befürchten, so dass sie eine höhere Überlebenschance haben.
Für eine Sensation sorgte der Fund eines Schlüpfling im April 2014. Ab da war nachgewiesen, dass die Sumpfschildkröten sich im Gebiet erfolgreich fortpflanzen können.
Leider ist mittlerweile bekannt, dass die amerikanischen Schildkröten ebenfalls Eier ablegen. Ob daraus aber auch Tiere schlüpfen oder ob es nur taube Eier sind, ist derzeit nicht bekannt.
In fast jedem größeren Gewässer in Deutschland kann man amerikanische oder asiatische Schildkröten finden. So wurde jahrelang die Rotwangenschmuckschildkröte in den Gewässern gefunden. Mittlerweile ist der Import für den Handel dieser Art bzw. Unterart verboten. Also wurde zu der etwas weniger bunten Unterart Gelbwangenschmuckschildkröte gegriffen. Dadurch sah man am Reinheimer Teich weniger Rotwangenschmuckschildkröten und mehr die Gelbwangenschmuckschildkröten. Inzwischen ist auch der Handel mit dieser Art stark eingeschränkt. Jetzt fallen andere Arten von Wasserschildkröten am Reinheimer Teich auf.
Die Zierschildkröte (Chrysemys picta) kann auch im Gartenteich gehalten werden. Oft können sie von dort auch ausbüxen und sich andere Gewässer suchen. Hier bei Eiablage am Reinheimer Teich.
Die Falsche Landkarten-Höckerschildkröte (Graptemys pseudogeoraphica pseudogeographica) steckte am Reinheimer Teich nur die Nase aus dem Wasser.
Text: Yvonne Lücke